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Qigong – eine kurze Einführung

Eine kurze Einführung in die daoistische Körperarbeit - von Olaf Pachten

In der chinesischen Sprache gibt es den Begriff Gongfu. Er steht für das Aufwenden von Energie und Zeit. Übungen oder Training, die den Einsatz von viel Energie und Zeit erfordern, werden Gongfu genannt. Daraus leitet sich in der chinesischen Kampfkunst übrigens auch der Begriff Kung Fu ab. Jede Art von Fähigkeit, Übung oder Technik, die unter dem Einsatz von viel Energie und Zeit gemeistert wurde, hat sich in Gong verwandelt. Daher wird die Arbeit mit Qi auch als Qigong bezeichnet.

Die Entwicklung des Qigong

Über die frühe Periode des Qigong ist relativ wenig belegt. Die erste Erwähnung des Begriffs Qi findet sich wie bereits gesagt im Buch der Wandlungen – Yi Ging. Das Konzept muss also schon einige Zeit davor im Umlauf gewesen sein. Das Yi Jing führte erstmals das Konzept der drei natürlichen Energien (San Cai) ein: Himmel (Tian), Erde (Di) und Mensch (Ren). Das intensive Studium dieser drei Grundenergien kann als der erste Schritt in der Entwicklung des Qigong betrachtet werden.

Während der Zhou-Dynastie (1122 – 255 v. Chr.) lebte der für China sehr wichtige Philosoph und Begründer des Taoismus Lao Zi (Laotse). In seinem Buch Dao De Jing (Tao Te King) beschreibt er u.a. Atemtechniken und erwähnt, dass der Weg zu Gesundheit darin besteht, sich „auf das Qi zu konzentrieren und Sanftheit zu erreichen („zhuan qi zhi rou“).

Der Philosoph Zhuang Zhou (Zhuangzhi) (ca. 365 – 290 v. Chr.) beschreibt in seinem Werk Das wahre Buch vom südlichen Blütenland (Nan Hua Jing) die Beziehung von Atmung und Gesundheit so: „des wahren Menschen Atem reicht bis in seine Fersen, der normale Mensch atmet lediglich in seinen Hals.“

Diese frühe Periode des Qigong erstreckte sich bis in die Han-Dynastie (ca. 206 v.Chr – 220 n.Chr.) Dieser Dynastie wird auch ein weiterer Text zugeordnet, der sich mit der medizinische Wirkung der Arbeit mit Qi befasst, dem Buch des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin (Huangdi Neijing). Dieses Buch beschäftigt sich mit Praktiken zur Beeinflussung und Verbesserung des Qi-Flusses im menschlichen Körper und ist bis heute richtungsweisend im Studium der Traditionellen Chinesischen Medizin.

Mit der Ankunft des aus Indien kommenden Buddhismus in China und der gegenseitigen Beeinflussung von Buddhismus und Daoismus entstanden erste Richtungen des religiösen Qigong. Zhang Daoling (ca. 34 – 156) begründete den „Himmelsreiter-Daoismus“, in dessen religiöser Praxis Atemübungen und Arbeit mit dem Qi eine starke Rolle spielten. In buddhistischen Klöstern wurde Meditation in Verbindung mit Atemtechniken zur Kultivierung des Geistes praktiziert.

Der Legende nach kam der aller Wahrscheinlichkeit nach aus Süd-Indien stammende Mönch Bodhidharma (Da Mo) ca. 520 an den Hof des Kaisers Wu der Liang-Dynastie. Kaiser Wu war dem Buddhismus sehr zugetan, aber mit den Interpretationen von Da Mo nicht einverstanden, woraufhin dieser sich in die Region um das Kloster Shaolin zurückzog. Dort soll er, nachdem er der Legende nach über viele Jahre in einer Höhle meditiert hatte, zwei Klassiker des Qigong entworfen haben: den Klassiker zur Transformation von Sehnen und Bändern (Yi Jin Jing) und den Klassiker zur Waschung des Marks (Xi Sui Jing).

Die Techniken des Yi Jin Jing sollten den Mönchen dabei helfen, ihre durch das lange Sitzen in der Meditation geschwächten Körper zu kräftigen und zu mobilisieren und die Methoden des Xi Sui Jing sollten durch die Reinigung des Knochenmarks das Immunsystem stärken. Gleichzeitig sollte dadurch das Gehirn angeregt werden, um den Effekt der Meditation zu verstärken.

Heute ist wissenschaftlich umstritten, ob diese Texte tatsächlich auf Bodhidharma zurückzuführen sind. Wahrscheinlich wurden sie erst weit später in schriftlicher Form zusammengefasst. Nichtsdestotrotz spielten die Klöster eine entscheidende Rolle für die Weiterentwicklung des Qigong auf religiöser, medizinischer aber auch auf kämpferischer Ebene. Besonders das Shaolin Gongfu ist bekannt für einige spezielle Qigong-Praktiken wie z.B. das Iron Shirt-Qigong (Tie Bu Shan) und das Golden Bell Cover-Qigong (Jin Zhong Zhao).

Wei Dan und Nei Dan

Die oben erwähnten Qigong-Techniken werden zu den Wai Dan (äußeres Elixir) gezählt. Wai Dan richtet den Fokus vor allem auf die Entwicklung von Muskulatur, Sehnen und Bändern und soll den Körper unempfindlicher für Schläge und Tritte in der kämpferischen Auseinandersetzung machen. Im Training wird das Qi nach außen gelenkt, um Haut und Muskulatur zu versorgen. Dem Wai Dan zugehörig sind die äußeren Kampfkünste oder die sogenannten harten Stile wie Beispielsweise Shaolin Gong Fu, Mok Gar, Praying Mantis, Monkey Boxing. Die Techniken der äußeren Kampfkünste betonen also eher die Muskelkraft und sind vergleichsweise hart.

Im Gegensatz dazu legen die dem Nei Dan (inneren Elixir) zugehörigen Qigong-Praktiken den Fokus auf die innere Entwicklung der Qi-Zirkulation durch das Speichern von Qi im unteren Dantian und die von dort ausgehende Verteilung im ganzen Körper. Die Techniken im Nei Dan sind eher sanft und weich und der Gebrauch von Muskelspannung wird auf ein Minimum reduziert. Dem Nei Dan zugehörige Kampfkünste werden als innere Stile bezeichnet. Zu ihnen zählen Taijiquan, Xingyiquan und Baguazhang.

Neigong

Während im Qigong der Fokus auf dem Sammeln und Bewegen von Qi liegt, geht das Neigong Training noch einen Schritt weiter. Im Neigong geht es außer um die Entwicklung von Qi zudem noch um die Essenz (Jing) und den Lebensgeist (Shen). Diese drei verborgenen Schätze (San Bao) und ihre Kultivierung und Transformation spielen in der daoistischen Tradition eine wichtige Rolle.

Wichtig für das Verständnis der San Bao ist, dass Jing, Qi und Shen Manifestationen des gleichen Ursprungs sind. So wie Eis, Flüssigkeit und Dampf Manifestationen des gleichen Elements, in diesem Fall Wasser, sind. Wobei Jing am ehesten dem Eis, Qi der Flüssigkeit und Shen dem Dampf entsprechen, wenn wir bei dem Beispiel des Wassers bleiben wollen.

Das Neigong Training beinhaltet keine spezifischen Techniken. Es geht vielmehr um eine Art Umwandlungsprozess von Körper und Geist, auch als daoistische Alchemie bezeichnet. Dazu werden Atemübungen, Sitz- und Stehmeditationen und spirituellen Handlungen genutzt. Auch das Training der dem Nei Dan zugerechneten Kampfkünste kann den Neigong Prozess unterstützen, wenn der Trainingsfokus in diese Richtung ausgelegt wird.